Leu's Kolumnen in der Wochenzeitung für das Emmental und Entlebuch:


Zebraistisch gestreiftes Zeitgeschenk

Man soll, so habe ich mir wieder einmal gesagt, geschenkte Zeit sinnvoll nutzen.

Also habe ich einmal die verschiedenen Ablagefächer meines Autos ausgeräumt, geputzt und anschliessend fein säuberlich wieder mit dem Unnötigsten gefüllt, kümmerte mich dann um den angehäuften Müll unter den beiden vorderen Sitzen, fand dabei endlich den längst vermissten Autofeuerlöscher wieder, las dann kurz einen Artikel einer ebenfalls unter dem Sitz zwischengelagerten rund dreijährigen Zeitung, ordnete anschliessend die vier Jacken, drei Pullover, zwei T-Shirts und drei Paar Schuhe, die aus irgendwelchen Gründen den Weg von der hinteren Sitzbank zum heimischen Kleider-, respektive Schuhschrank nie gefunden hatten, sammelte daraufhin die leeren Glas- und Pet-Flaschen im Kofferraum ein, welche ich zwischen dem verstreuten Inhalt eines umgekippten Werkzeugkastens fand, reinigte danach mit einem längst ausgetrockneten Feuchttuch aus den Beständen des Handschuhfachs liebevoll die Innenseite der Frontscheibe und kratzte schliesslich die sechs Autobahnvignetten 2006 bis 2011 von der Windschutzscheibe. Anschliessend wandte ich mich der Aussenhülle des Wagens zu. Nach dem gründlichen Abstauben der Karrosserie mit der alten Zeitung, machte ich mich mit Hilfe des zuvor unter der hinteren Sitzbank gefundenen kaputten Eisschabers an die Säuberung der Winterpneus. 

Noch hatte ich nicht alle vier Räder behandelt, da war’s mit der geschenkten Zeit vorbei, wurde es kurzfristig hektisch. Ich hechtete ins Auto, startete den Motor um loszufahren - da wurde ich erneut mit Zeit beschenkt.

Waren die Zeitspender zuerst zwei Damen, die sich unmittelbar vor meinem Auto in der geschützten Zone des Zebrastreifens angeregt über die verschiedensten Ausverkaufs-Angebote unterhielten, war’s dann ein netter Rentner mit Hut, Stock und Stumpen, der seinem Enkel mitten auf der Strasse liebevoll den Unterschied zwischen Dackel und Bernhardiner zu erklären versuchte. Das neue Zeitgeschenk wiederum, verdankte ich zwei jungen Lehrerinnen und ihrer schnatternden, rund siebenundachtzig Meter langen maibummeligen Schulklasse, sowie einem sturzbetrunkenen Mann in Krawatte, der sich redlich abmühte, zwischen zwei gelben Streifen hochkonzentriert die Schuhe zu binden.

Diese neuerdings gewährte Zeit wollte ich nun nutzen, um diese Kolumne zu schrei – Entschuldigen Sie bitte, aber grad ist der Zebrastreifen endlich für einen Moment frei geworden, Sie haben sicher Verständnis, dass ich die Gelegenheit zur Weiterfahrt nutze. Vielleicht schenkt Ihnen ja auch mal jemand Zeit. Zum Beispiel eine Strassen überquerende Wandergruppe, mit Kartenstudium-bedingtem Picknick-Halt auf der Fahrbahn. Dann nutzen Sie die Zeit und schreiben meine Kolumne weiter… 

(22. März 2012)


Ständige Ovationen

Als Kulturschaffender beschäftigt man sich automatisch und regelmässig mit der Applauserei. Fällt der Beifall dünn oder gar ganz aus, fällt unsereiner ja subito in eine tiefe Depression, welche mindestens so lange anhält, wie der erhoffte Applaus hätte anhalten sollen, also tagelang! Man grämt und schämt sich, bezeichnet das Publikum insgeheim als Ignoranten und ungebildete Banausen, die weder Zweck, noch Sinn oder Aussage, ja, überhaupt rein gar nichts verstanden haben. Selbstredend kann’s nie und nimmer an der eigenen Leistung gelegen haben, denn die ist natürlich über jeden Zweifel erhaben. Brandet hingegen frenetischer Applaus auf, badet man genüsslich in den Ovationen, lässt man sich lustvoll feiern. In solchen Momenten gönnen sich Selbstzweifel Urlaub: das fach- und sachkundige Publikum applaudiert schliesslich, also war ich gut. Punkt. 

In der Regel kann man sich ja wirklich darauf verlassen, dass das Publikum am Ende der Vorstellung klatscht. Höflich bis begeistert vielleicht, möglicherweise zurückhaltend bis frenetisch. Aber es klatscht! Buhrufe sind äusserst selten zu hören. Immer häufiger artet der Beifall in regelrechte Publikums-Aufstände aus, werden die Künstler mit Standing-Ovations verabschiedet. Geradezu inflationär. Da stehen zwei, drei auf und schon breitet sich dieser Aufstand über das gesamte Parkett aus. Schier epidemisch. Vielleicht, weil man nach 120 Minuten Ausharrens auf unbequemen Stühlen das Bedürfnis nach Freiübungen hat? 

Früher, als ich noch nicht einmal klein, geschweige denn „Künstler“ war, haben sich Autoren, Komponisten, Schauspielerinnen und Sänger ganze Heerscharen von Claqueuren geleistet, eingeteilt in Spezialisten mit besonderen Aufgaben. Da gab’s z.B. die Tapageurs, welche mit heftigem Applaus Aufsehen zu erregen hatten. Die Connaisseurs wiederum, mussten während der Vorstellung positive Bemerkungen fallen lassen. Dann  gab’s da die Rieurs, die die Umsitzenden mit ihrem „spontanen“ Gelächter anzustecken hatten und es gab die Pleureurs, die für erschütterndes Schluchzen während rührender Szenen zuständig waren. 

Ich werde die guten alten Zeiten übertrumpfen und mir ein Dutzend gut bezahlter Selevereurs (Aufsteher) leisten, die sofort nach Aufführungsende auf die Stühle zu klettern und wie wild zu applaudieren haben. Und ich werde sie jeweils alle in der ersten Reihe platzieren, damit das Publikum ab der zweiten Reihe gezwungen ist, ebenfalls aufzustehen, so es noch bis auf die Bühne sehen will. Und wer gar eine Bockleiter ins Theater mitschleppt um den Schlussapplaus aus luftiger Höhe zu spenden, kriegt den Eintrittspreis zurückerstattet. 

Gehören Sie zu den Trendsettern, praktizieren Sie ab sofort die geleiterte Standing Ovation! Am liebsten natürlich bei meinen Darbietungen. Danke!

(26. Januar 2012)


Rasende Zeiten

Nun hört man sie allenthalben wieder klagen und jammern: „Ach, schon wieder Weihnachten!“, „Schon wieder Ende Jahr!“, „Wie die Zeit vergeht!“, oder „Wo die Zeit nur geblieben ist?“

Also, wenn ich mir so anschaue, was ich im zu Ende gehenden Jahr so alles geleistet, erledigt und erlebt habe, muss 2011 eigentlich ein ziemlich langes Jahr gewesen sein. Vieles hat darin Platz gehabt, Schönes, Trauriges, Schlechtes…

Nicht dass ich hier jetzt behaupten will, ich sei gegen das Zeitrasen gefeit, aber immerhin bin ich ernsthaft auf der Suche nach dem Gegenmittel, nach der Zeitbremse, der Entschleunigung. Irgendwie muss die Zeit ja zu stoppen sein, oder zumindest zu verlangsamen.

Zugegeben, ein etwas gar kühner Gedanke angesichts der Papierberge auf, unter und neben meinem Schreibtisch. Vieles davon müsste nämlich noch vor Jahresende erledigt sein, die Zeit dafür dürfte allerdings knapp werden. 

Aha, vielleicht liegt es just daran, dass man die Zeit zu oft an der Zukunft misst, an dem, was man noch zu tun hat, gerne noch unternehmen und keinesfalls verpassen möchte, man sich besonders darauf freut.

Ich kenne so viele Menschen, die sich am Montag bereits schon wieder heftig mit der Planung des nächsten Wochenendes beschäftigen. Sie sind gedanklich dermassen darauf fixiert, dass sie gar nicht merken, dass zwischen Sonntag und Samstag noch weitere fünf Wochentage zu erleben und zu geniessen wären. Diese fünf Tage werden damit vergeudet, dass man sich das Wochenende herbeisehnt, dann macht’s Schwupps und schon ist’s wieder Montag.

Viele treiben das Jahr noch schneller voran, indem sie sich von Urlaub zu Urlaub sehnen. Dann kaum auf den Malediven angelangt, wird schon wieder gejammert, dass die Ferien in zwei Wochen schon wieder zu Ende seien. Würde mich ja nicht wundern, wenn diese Leute, statt am Strand einen anständigen Roman zu lesen, schon den Ferienkatalog der nächsten Saison studieren.

Wissen Sie übrigens, dass es einen „Verein zur Verzögerung der Zeit“ (www.zeitverein.com) gibt? Er wurde 1990 von Professor Dr. Peter Heintel aus Klagenfurt gegründet. Ich weiss nicht, in welchem Jahr der Verein und dessen Mitglieder inzwischen angelangt sind, ob sie die Jahrtausendwende bereits erreicht haben. 

Ich wollte auch schon längstens Mitglied werden, aber bislang fehlte mir halt immer wieder die Zeit, mich anzumelden.

Ich wünsche Euch allen ganz langsame Festtage und einen entschleunigten Jahreswechsel!

(29. Dezember 2011)


Requiem für einen Mitarbeiter

Sage und schreibe dreiundzwanzig Jahre hat er uns die Treue gehalten! 

Ich erinnere mich noch genau, wie er 1988 den Dienst angetreten hat. Innert kürzester Zeit war er in unseren Küchenbetrieb integriert, schnell hatte er begriffen, was seine Aufgabe ist und gleich von Beginn weg konnten wir ihn selbständig seine Arbeit tun lassen.

Tag für Tag hat er seither zuverlässig und ohne Murren seine doch recht eintöniges Tagewerk verrichtet. Bei Bedarf war er bereitwillig gar auch nachts einsatzbereit oder legte übers Wochenende problemlos ein paar Sonderschichten ein.  

Und seriös war er! Enorm seriös! Ich sah ihn nie etwas anderes als Wasser trinken. Hahnenwasser! In rauen Mengen! Kein Alkohol! Nie!

Er war loyal und absolut verschwiegen. Obwohl er viele Male heikle Diskussionen mithören konnte, hat er nie Internas oder gar Intimitäten ausgeplaudert. Er war die Verkörperung der Diskretion!

Ich erinnere mich nicht, ihn einmal müde gesehen zu haben. Im Gegenteil, stets machte es den Anschein, als stünde er unter Strom.

Absenzen wegen Krankheit oder Unfall? Falls mich mein nachlassendes Gedächtnis nicht gewaltig im Stich lässt, hat er nie gefehlt, war er stets zur Stelle. 

Es war ein schierer Schock, als sich im vergangenen Winter urplötzlich Probleme mit den Arterien bemerkbar machten. Aber die Spezialisten leisteten ganze Arbeit und kaum operiert, nahm er seine Arbeit mit der gewohnten Zuverlässigkeit wieder auf, als wäre nichts geschehen, schonte sich auch fortan nicht. Und wir waren froh drum! Obwohl ich heute unter leichten Gewissensbissen leide. Hätten wir ihn mehr entlasten sollen? Haben wir ihm zu viel zugemutet?

Vor einer Woche war’s, da ging plötzlich nichts mehr bei ihm. Zusammenbruch, Kollaps. Die Pumpe wollte einfach nicht mehr.

Und diesmal kapitulierten auch die Spezialisten! Eine Transplantation in diesem Alter lohne sich nicht mehr, lautete die brutale Diagnose! 

Heute hat er unser Haus nun verlassen, für immer. Auf schnödem Sackkarren haben sie ihn soeben hinausgerollt und in einen Bus verfrachtet. Er liess es stumm über sich ergehen, klaglos, schicksalsergeben.

Nun stehen wir da in unserer Küche, zurückgelassen, untröstlich, er hinterlässt eine grosse Lücke. Und es wird einige Zeit dauern, bis diese Lücke geschlossen werden kann, denn der neue Geschirrspüler kann erst in einer Woche geliefert werden.

(3. November 2011)

 

 

 

 


Loriotisch, aber wahr…

Er:       Ticketservice, Guten Tag…

Sie:      Guten Tag, ich hätte gerne Tickets für das Gotthelf-Stück…

Er:       Da sind Sie wahrscheinlich am falschen Ort, wir spielen Simon Gfeller, Gotthelf wird anderswo…

Sie:      jaja, Simon Gfeller! Den meine ich! Zwei Plätze für Mittwoch…

Er:       Da hat’s nur noch zwei Plätze in der 17. Reihe…

Sie:      Ist das ganz vorne?

Er:       Ganz hinten, respektive ganz oben…

Sie:      Weiter unten haben Sie nichts, mein Mann ist gehbehindert…

Er:       Wenn es Ihnen nichts ausmacht hintereinander zu sitzen, dann…

Sie:      Wir möchten schon gerne nebeneinander. Und am Donnerstag?

Er:       Sieht es ähnlich aus, 2 Plätze nebeneinander nur noch in der 15. Reihe…

Sie:      Ist das weit vorne?

Er:       Nein, die dritthinterste Reihe…

Sie:      Und am Freitag?

Er:       Der Freitag ist ausverkauft…

Sie:      Aha? Warum?

Er:       Halt die zweitletzte Vorstellung…

Sie:      Und hat es da noch Plätze in der ersten Reihe?

Er:       Nein, die Vorstellung ist ausverkauft, Plätze in der ersten Reihe haben wir nirgends mehr…

Sie:      Mein Mann ist drum gehbehindert…

Er:       Ich schaue mal, ob ich für die letzte Vorstellung noch etwas finde…

Sie:      Wann ist die?

Er:       Am Samstag…

Sie:      Und dann spielen Sie nicht mehr?

Er:       Nein, dann ist Schluss, wir haben schon 23 Mal gespielt…

Sie:      Hätte es denn am letzten Freitag noch Plätze gehabt? 

Er:       Nein, die Vorstellung war ausverkauft…

Sie:      Aha, schade! Wir wären gerne gekommen, wir mögen Gotthelf sehr…

Er:       Wir spielen aber Simon Gfeller,  „Eichbüehlersch“…

Sie:      Jaja, das meine ich. Wie sieht’s am Mittwoch aus?

Er:       Wie schon gesagt: Nebeneinander nur noch 17. Reihe, hintereinander 5. und 6. Reihe…

Sie:      In der ersten Reihe haben Sie nichts mehr?

Er:       Nein, tut mir leid…

Sie:      Dann nehmen wir zwei Plätze für Donnerstag, wo sind die?

Er:       15. Reihe, die letzten zwei Plätze…

Sie:      Ist das weit vorne?

Er:       Nein, ganz hinten, die vordersten Plätze sind die erwähnten vom Mittwoch, halt hintereinander.

Sie:      Henu, so nehmen wir halt diese zwei…

Er:       Gerne… (es folgt das ganze Prozedere mit Adresserfassung, Erklärungen zum Wetter usw.) …Vielen Dank für Ihre Reservation, Sie können Ihre Tickets dann an der Abendkasse abholen…

Sie:      Können wir vorher noch etwas essen?

Er:       Sicher, wir befinden uns unmittelbar beim Restaurant…

Sie:      Kann man da am See sitzen?

Er:       Bei uns gibt’s aber keinen See…

Sie:      Aber es heisst doch Seespiele…

Er:       Sie meinen das Gotthelf-Musical?

Sie:      Das habe ich ja gesagt…

(hier endet leider die Kolumne, nicht aber das Telefongespräch)

(8. September 2011)


Schwinger mit Biss

Seit Wochen wird  allenthalben wieder geschlunggt, gezogen und gebrienzert  was die Schwingerhose hält.

Dass ich selber keine Karriere als Spitzenschwinger vorzuweisen habe, ist lediglich einem bedauerlichen Zwischenfall aus meiner frühesten Jugendzeit zuzuschreiben.

Bloss vier jährig, lernte ich die ausgewachsenen Schwinger nämlich bereits das Fürchten. 

Zusammen mit meinen Eltern besuchte ich ein kleines Schwingfest. Mitgeschwungen hat damals auch ein Freund unserer Familie, der später der Götti meiner Schwester werden sollte. (Vielleicht weiss meine Schwester gar nicht, dass sie ihren Götti meinem beherzten Eingreifen zu verdanken hat! Das wäre eigentlich eine Flasche Wein im Nachhinein wert).

Item, besagter Freund des Hauses verfügte nicht unbedingt über eine typische Schwingerfigur und kam deshalb innert kürzester Zeit unter seinen übermächtigen Gegner zu liegen. Nicht auf dem Rücken zwar, wieselflink hatte er sich noch in Bauchlage gerettet , wurde vom riesigen Riesen nun aber heftig bearbeitet. Der Freund des Hauses zappelte, verdrehte die Augen, die Adern am Hals schienen platzen zu wollen, er frass schier das gesamte Sägemehl, hustete und stöhnte. 

Der riesige Riese sass, oder vielmehr lag indes obenauf und tat es ihm bezüglich Stöhnen und Kopfröte gleich, frass aber kein Sägemehl. Kurz, es war ein schreckliches Schauspiel, die Situation erforderte zivilcouragiertes Eingreifen. Zu meiner Verwunderung gedachte aber niemand der umstehenden Erwachsenen zu handeln, nicht einmal meine Eltern, die doch sonst recht schnell zur Stelle waren wenn ich gelegentlich meinen kleineren Bruder verdrosch. 

Beherzt entriss ich mich also dem Griff der mütterlichen Hand, stürzte mich heldenhaft ins Getümmel und schlug dem riesigen Riesen meine Zähne entschlossen in dessen riesigen Oberschenkel.

Der riesige Riese tat einen fürchterlichen Schrei und wälzte sich von seinem Opfer herab, der Freund des Hauses war befreit.

Um mich herum tobte und schrie die Menge. Mag sein, dass ich auch bloss das Schimpfen meiner Eltern vernahm.  

Der totale Triumph, der Kranzgewinn, blieb mir verwehrt und statt mich zum Gabentisch zu führen, riss mich Mutter von dannen und brachte mich schnurstracks nach Hause.

Heute kann ich die Reaktion meiner Mutter gut nachvollziehen,  wir hätten nämlich schlicht und einfach keinen Stall für das Siegermuneli gehabt!

(14. Juli 2011)

 


Nützliches Wissen!

Glauben Sie jetzt ja nicht, ich hätte keine grösseren Probleme, als über Krawatten zu philosophieren. Trotzdem tu ich’s jetzt. 

Früher waren mir diese länglichen Stoffdinger ja ziemlich verhasst. Ich erinnere mich aber, dass ich mich, trotz heftigem Widerstand, krawattiert konfirmieren lassen musste. 

Das Dasein als sogenannter Künstler verheisst einem gewissermassen Narrenfreiheit, ich wähnte mich als Schauspieler also auf der sicheren, krawattenfreien Seite.

Einer meiner ersten Rollen erwies sich dann allerdings als Fallstrick und führte ausweglos zum verpönten Halsstrick. 

Nun, ich habe die Konfirmation und die besagte Rolle unbeschadet überlebt. Und eines Tages gab’s dann auch für mich wesentlich wichtigere Dinge, als die Auseinandersetzung mit diesem Accessoire männlicher Mode.

So erschütterte es mich nicht, als das weibliche Geschlecht ebenfalls damit anfing, sich gelegentlich einen Stoffstreifen um den zarten Hals zu knoten.

Und, ich gebe es zu, es kam gar der Tag, da auch ich mir ein paar Varianten dieses Halsschmucks zulegte und umband. Natürlich nicht alle gleichzeitig. 

Soweit so gut und unwichtig – könnte man meinen. 

Wären da nicht einige Auffälligkeiten, die mir unheimlich zu denken geben und mir den Schlaf rauben.

Wie eingangs erwähnt, gehörte ich lange Zeit der Fraktion der Antikrawättler an. Und selbstverständlich teilte ich die Krawattierten verächtlich und stur in Kategorien ein:

Typisch Politiker! Typisch Bänker! Typisch Versicherer! Typisch Bünzli usw.

Aber dieses Schubladisieren greift nicht. Spätestens seit sich einzelne National- und Ständeräte eines Tages des Kittels und der Krawatte entledigten! Während der Session! 

Ich tröstete mich damit, dass immerhin hochrangige Regierungsvertreter  den obligaten Halsschmuck tragen und damit mein Schublädlidenken bestätigen.

Nur dieser Iraner will sich einfach nicht an die Normen halten, dieser Ahmadinejad! Oder haben Sie den schon je einmal mit Krawatte gesehen? Nie! 

Gut, der gehört ohnehin einer anderen Kultur an. Typisch! Aber auch auf dieses Argument ist nicht Verlass. Der selbsternannte König aller Könige, der Revolutionär und Wirrkopf Gaddafi erfrecht sich nämlich, gelegentlich Krawatten zu tragen! Und ich bin mir nicht mehr sicher, ob nicht auch Bin Laden unter seinem langen Bart Krawatten versteckte…

Wenn mir in den nächsten Wochen nichts Wichtigeres dazwischen kommt, werde ich die Krawattenforschung weiterführen. Wer weiss, wann solches Wissen plötzlich nützlich wird. Sie werden wieder von mir hören.

(19. Mai 2011)


Erschreckend freundlich!

Ich bin ja an und für sich ein recht netter Kerl. Habe ich wenigstens gemeint. Aber die Wahrheit ist, ich bin ein Leute-Grüss-Erschrecker!

Meine Eltern haben mich einst mit konsequenter Strenge zu Anständigkeit und Freundlichkeit erzogen. Damit sie sich meiner nicht zu schämen bräuchten. Als Gewerbetreibende in einer Berner Vorortsgemeinde erachteten meine Eltern Freundlichkeit gegenüber potentiellen Kunden schliesslich als unabdingbare Grundvoraussetzung, ja, als schiere Erfolgsgarantie im Geschäftsleben.

Und weil man in einem Dorf ja ziemlich schnell weiss, zu welcher Familie ein Kind gehört, galt es natürlich die heranwachsende Visitenkarte, also mich, ansprechend zu gestalten.

Lektion 1: Man grüsst! Egal wo, wann und wen. MAN GRÜSST!

Lektion 2: Begegnet man einer Personengruppe, so grüsst man alle zusammen und nicht nur die einen, die man zufällig grad kennt: GRÜESSECH MITENAND!

Lektion 3: Bleibt man für eine kurze Plauderei mal stehen, so gibt man zur Begrüssung sogar die Hand! (Immerhin, die Dreifachküsserei war dazumal noch nicht im Schwange).

Lektion 4: Beim Begrüssen schaut man die Leute an und spricht laut und deutlich!

Dass die traditionellen Sonntagsspaziergänge jeweils nicht in Heiserkeit mündeten, erachte ich rückblickend als Wunder.

Ich geb’s zu, ich habe gegen diese strengen Auflagen ab und an rebelliert und elterliche Strafsanktionen märtyrerhaft über mich ergehen lassen.

Aber irgendwie und irgendwann ist mir dieser Freundlichkeits-Drill in Fleisch und Blut übergegangen und Grüssen wurde mir zur Selbstverständlichkeit.

Warum ich damit jetzt eine Kolumne fülle?

Weil mir der Alltag inzwischen eine weitere Lektion erteilt hat: Wer grüsst nervt! Wer grüsst ist ein Leute-Schreck!

Betrete ich zum Beispiel die Post oder ein Geschäft und verkünde laut, deutlich und gutgelaunt mein „Guete Morge“, so verursache ich bei den drei anwesenden Kunden entweder den sofortigen Herzinfarkt, oder ernte einen strafend-verwunderten Blick. Äusserst selten nur empfange ich einen annähernd freundlichen Gegengruss.

Ganz zu schweigen von Reaktionen, die ich auslöse, wenn ich Fussgänger auf dem Trottoir zu grüssen pflege; sie reichen von Irritation bis zu Feindseligkeit.

Liebe Leute, ein Lächeln, ein freundlicher Gruss kostet nichts und wirkt Wunder! Probiert’s doch auch wieder mal!

(24. März 2011)


Ich bin unschuldig! Immer!

Viel nahm ich mir vor für diese erste Kolumne. Ich legte mir eine Liste mit Themen zurecht,  trug sämtliche Abliefertermine in den Kalender ein und formulierte während etlicher Autofahrten im Geiste munter drauflos. Spitzenliteratur wär’s geworden, wären mir die wohlformulierten Sätze nicht im Gedächtnisnebel abhanden gekommen.

Und wie geschieht mir heute, wo doch das Jahr noch nicht mal vier Wochen alt ist? 

Meiner windowsunterstützte Schreibhilfe blinkt mir die dringende Mahnung entgegen: „Kolumne! Gestern!“ Bravo! Schon beim ersten Mal! Das fängt ja gut an! 

Aber ich bin unschuldig! Ich bin nämlich immer unschuldig! Ich focht einen heroischem Kampf gegen die gesamte Zufall-, Unfall-  und Zwischenfall-Armee. 

Beispiel gefällig? Bitte schön!

Des Büros überdrüssig, fuhr ich eines Nachmittags heimwärts, heftig gewillt, den Rest des Tages in geistiger Schwerarbeit dem Kolumnisieren zu frönen. Mangels Energie verweigerte meine bereits erwähnte hochtechnologische Schreibkraft aber jegliche Kooperation, das rettende Kabel ist unauffindbar, wahrscheinlich von der Katze gefressen. 

Pflichtbewusst, man wartet ja in Langnau auf meine geniale Kolumne, mache ich mich also wieder auf die Reise ins Büro, stelle nach halber Strecke jedoch fest, dass sich mir der Büroschlüssel unfreundlicherweise nicht angeschlossen hat. Ich sehe mich also gezwungen, erneut die heimatlichen Gefilde anzusteuern.

Dort hat die zweitbeste aller Ehefrauen (die beste bleibt ja Kishon vorbehalten) die Wohnung inzwischen verlassen und verschlossen. Mein Hausschlüssel aber hängt  am selben Bund wie… - na ja Sie ahnen’s schon. 

Wer auch nur einen Funken Ehre im Leib hat, oder gar zwei, wie ich, gibt in solcher Notlage nicht auf. In eisiger Kälte ausharrend, kritzle ich mit klammen Fingern meine erste Kolumne auf ein Papiertaschentuch, hole mir dabei aber einen zünftigen Schnupfen der umgehend den zweckbestimmten Einsatz des manuskriptigen Tüchleins erfordert.

Glauben Sie mir, liebe Redaktion, es wäre eine wunderbare erste Kolumne geworden! Und pünktlich wäre sie angekommen! Ganz sicher!

(27. Januar 2011)